31 – der kapitalistische hund

veröffentlicht am 1. Mai 2018 von anna rider

jai guru deva, om - nothing’s gonna change my world. doch plötzlich, nachdem man sie uns sechsundsechzig jahre als alleine selig machende religion, als grosses endziel verkauft und eingeprügelt hatte, wurde sie, unsere welt, die kapitalistische demokratie und mit ihr ein wenig auch die soziale marktwirtschaft, mit einem mal in frage gestellt oder zumindest wieder für fragen würdig – nachdem wir der wirtschaft, diesem hund, etwas zu viel freilauf gegeben hatten.

der hund, sagten uns die tierpsychologinnen immer, der hund weiss doch am besten selber, wo der weg durch geht. das arme tier geht doch kaputt, an dieser leine. so recht glauben mochten wir dies zwar nicht, aber wir liessen ihn dann trotzdem immer wieder kurz frei. und prompt hat er dann fast jedes mal bald ein kindlein gebissen oder ein rehlein gerissen. wir schimpften dann mit ihm ein bisschen und hakten ihn auch wieder ein. die leine wurde dann langsam wieder länger und der hund, er wurde grösser, immer grösser. das war gut für uns, denn er verschaffte uns respekt. wir fütterten ihn und gaben ihm spritzen, wenn er krank ward, und wir gingen gassi mit ihm durch die ganze nachbarschaft. denn ständig musste er sein revier markieren und schnüffeln, schnüffeln unentwegt, der verfluchte hund.  doch wir gewöhnten uns daran und wir liefen ihm hinterher, und die unzähligen scheisshäufchen, die er auf seinen wegen hinterliess, die kratzten wir ohne murren von der strasse und stopften sie in diese verdammten plastik-säcklein.

und irgendwann haben wir gemerkt, dass er längst zu stark geworden ist für uns – too big to tame. und wenn er wieder mal hinter einer strukturierte katze hinterherjagte, konnten wir ihn nicht mehr halten. und wenn er dann was auf die schnauze kriegte und mit eingeklemmtem schwanz zu uns zurück trottete und uns treuherzig winselnd anblickte, da päppelten wir ihn wieder auf. damit wir uns immer noch als herrchen fühlen konnten, wenn er uns an der leine spazieren führte.

doch plötzlich hiess es, unser degenerierter hund, er sei zu gefährlich, ein kampfhund gar. er solle einen maulkorb tragen. und manchmal hiess es gar, er solle ganz verboten werden. der hund, der hund muss weg.

und mit einem mal diskutierten alle wieder mit, wie der hund zu zähmen wäre. muss er bloss sozialer werden? sollte man ihm einen zwinger bauen? der hund 2.0, der neue hund, der genossenschaftliche hund? oder gibt es auch eine alternative zum hund? ist der kommunistische wellensittich wieder stubenrein? das kollektive meerschweinchen? die anarcho-katze? doch die meisten sagten bloss, der hund ist halt der hund. und doch sprachen sie alle nur vom hund. der hund, der verdammte hund ist das problem. und niemand spach vom herrchen.

da sagen wir, natürlich wäre der gewählte hund, die demokratische wirtschaft, ein schönes ziel, ein eigentlich nahe liegendes. wenn der kapitalismus, kurz bevor er die mittelschicht oder gar das bürgertum ganz in neunundneunzig krümel und einen grossen klumpen zerrieben hat, gemeinschaftlicher werden könnte. aber vielleicht ist nicht der hund zu wenig menschlich, sondern der mensch zu wenig hund.

vielleicht sollte nicht der kapitalismus demokratischer, sondern die demokratie kapitalistischer werden? wäre dieser weg nicht viel konsequenter? statt die wirtschaft durch immer neue und immer wirkungslosere gesetze scheinbar der staatlichen kontrolle zu unterstellen, den staat einfach zu einer ware zu machen? wäre dies letztendlich nicht auch viel demokratischer? wenn man nicht bloss über türmchen abstimmen, sondern auch seine neue heimat bestimmen könnte? wenn man nicht nur sein repräsentanten wählen, sondern auch sein land auswählen könnte?

die dümmste erfindung des I9. jahrhunderts ist wahrscheinlich die nation. die zweitdümmste vielleicht die politik. dass die zeit für beide nun abläuft mag man erkennen an dem aufwand, der betrieben wird, ihre unerlässlichkeit zu betonen. wie unsere sonne, die sich zu einem gelben riesen aufbläht, bevor sie in sich zusammenfällt.

menschen, denen die familie zu klein und die welt zu gross ist, lieben die nation. sie wollen uns weismachen, dass unsere sprache, unsere geografie oder unsere rasse, was immer das ist, uns zusammengehörig machen sollten. und wehe dem, der einfach so in unseren körper eindringen möchte. virus! fremdkörper! vergewaltiger! niemand soll von unserer integrität profitieren können, die “wir” uns erschaffen haben, die “wir” uns behütet und aufgebaut haben. die nation ist die letzte kaste, in welche wir geboren werden, glück gehabt halt, oder pech. das leben vorbestimmt, privilegiert oder einfach ziemlich schlecht.

doch: warum sollte man seine nation nicht wechseln können wie seine… seine krankenkasse, zum beispiel, oder die herkunft seines stromes. natürlich gibt es logistische probleme, aber logistik war noch immer lösbar. so wie es einst undenkbar war, dass es für den gleichen anschluss verschiedene telefongesellschaften geben könnte, scheint es utopisch, dass der eigene nachbar in einem völlig anderen land wohnen könnte. und doch ist es bloss eine frage von sauber gelösten durchführungsrechten. in einer mehr und mehr entlokalisierten und beliebigeren welt scheint die politische einheit wie der letzte fels in der brandung, was sie natürlich als letztes ist, sondern im gegenteil die virtuellste aller zugehörigkeiten. alles nur eine frage des preises.

bisher gab es drei wege, sein land bestimmen zu können. man konnte seine vertreter, seine repräsentanten wählen; man konnte selber handeln und sein glück als politiker oder aktiver bürger versuchen; oder man konnte auswandern. jede dieser möglichkeiten hatte aber gravierende nachteile. wählte man politiker oder parteien in parlamente und regierungen, taten sie danach höchst selten das, was sie an ihren wahl­veranstal­tungen versprochen hatten, böswillig oder mangels einfluss. wurde man selber aktiv, so wurde man oft zerschlissen und desillusioniert, wenn nicht gar korrumpiert in den langsam mahlenden mühlen der demokratie. und auch der drastische schritt der auswanderung und einbürgerung in einem neuen land brachte selten ein erlösung, weil sich dieser weg oft als langwierig, teuer und entwürdigend herausstellte und sich im neuen land meist die gleichen oder gar noch schlimmere übel zeigten.

doch das übel hat einen einfachen namen: politik. ist doch jede politik interessenpolitik, die vertretung einer meinung. und so wichtig meinungsverschiedenheiten, lösungsfindung und kompromisse auch sind, sobald sie wichtiger werden als die sache an sich, sobald sie die sache selber werden, hilft sie nicht mehr der problemlösung sondern schafft sie sich die probleme gar selber, zur rechtfertigung ihrer eigenen existenz.

und wenn unsere sogenannten volksparteien ja sowieso bloss noch unseren sogenannten volkswillen ausüben wollen, warum soll dieses sogenannte volk diesen ihren willen nicht gleich selbst ausüben, ohne das ganze polit-theater? natürlich könnte man das parlament aus folkloristischen gründen beibehalten, aber gäbe es nicht abwechsungsreichere formen der unterhaltung? warum nicht gleich die parlamente abschaffen? denn ohne parlamente keine parteien, und ohne parteien keine politiker. und ohne politiker keinen dauerwahlkampf, keine lobbyisten und keine pseudo-abstimmungen. warum für dieses schauspiel noch darsteller delegieren, wenn wir diesen unseren volkswillen auch gleich selber wollen könnten?

auf dass die direkte demokratie tatsächlich direkt würde. auf dass politik wieder inhalt statt form würde. und auf dass regierungen wieder als das erkennbar würden, was sie eigentlich sind, nämlich nicht macht­haber, die über uns gebieten, sondern beamte, die unseren gemeinsamen willen ausüben – unsere angestellten.

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