26 – ein tag in düland

veröffentlicht am 28. juli 2013 von anna rider

liebe düländerinnen, was soll ich sagen? ist es tatsächlich schon ein halbes jahr, seit wir hier ein neues ländchen eröffnet haben? ein ganzes halbes jahr, seit ich mich hier online wieder melde? vom nasskalten februarwetter direkt in den hochsommer mit höchst-temperaturen. nicht, dass nichts passiert wäre, im gegenteil. aber bei all dem trubel auch noch zeit zum schreiben zu finden, war unmöglicher als gedacht. umso mehr freut es mich natürlich, dass ihr hier doch immer noch mal vorbeischaut.

so viel ist geschehen, so viel freudiges, aber natürlich auch zehntausend probleme. aber das wichtigste ist: düland lebt! mehr noch: es vibriert, es kämpft, es wuselt, es wächst, verschmilzt, verändert sich, es ist jeden tag ein anderes, jeden tag neu und auf sicherem weg in eine ungewisse zukunft. doch wie gestaltet sich ein tag im leben von – sagen wir zum beispiel – einer neu-bürgerin von düland wie mir ab?

nun, ich wohne also tatsächlich seit etwas mehr als einer woche hier, im herzland von dü, in einem der kleinen, improvisierten häuschen entlang der ehemaligen landepiste des flugplatzes dübendorf. einen wecker braucht man hier nicht, denn um sieben uhr rasen einem die ersten kinder um das bett herum. in einer welt ohne recht auf eigentum und kleinfamilie gibt es natürlich auch kein recht auf schlaf. doch umso besser, denn bereits um halb neun beginnt heute ja bereits das monatliche kolloquium zur einführung oder abschaffung neuer gesetze und zur erprobung neuer formen des politischen und gesellschaftlichen. die abstimmungsergebnisse der direktdemokratischen monatssessionen aller düland-bewohnerinnen, welche ihre meinungen un inputs über unser dü-LAN abgegeben haben, werden ausgewertet. in düland wird niemand vertreten, repräsentiert oder verarscht. in düland gibt es für halb- und indirektheiten keine entschuldigung mehr – für beide seiten.

nach einem späten mitagessen bei einer der offenen küchen am dü-landing-strip steigt der besucherstrom unserer permanenten expo bei gutem wetter meist noch etwas an. unsere wohnungen, die ja auch gleichzeitig ausstellungsgelände und arbeitsstätten sind, entstehen so manchmal angeregte diskussionen, streitgespräche und manchmal regelrechhte auseinandersetzungen mit besuchern, nachbarn und mitbewohnerinnen. und so soll es ja sein.

zur belohnung nach einem natürlich oft etwas anstrengender als normalen tag, laden die zahlreichen veranstaltungen auf unserem gelände zur entspannung und zum nachdenken ein. wie heute zum beispiel wieder mal beim invers.theater, wo die besucher darsteller sind und vor einem professionellen publikum auftreten. im 21. jahrhundert, so scheint es, werden nicht mehr die schauspieler bezahlt, sondern die zuschauer. ganz ähnlich, wahrscheinlich, muss der staat des 21. jahrhunderts funktionieren, wo nicht mehr sogenannte volksvertreter eine mehrheit repräsentieren und regieren, sondern eine bezahlte minderheit den auf modernem weg direkt geäusserten willen ausführen müssen.

dergestalt beim einen oder anderen glas wein politisierend, im herzen eines frisch geborenen landes, einer entstehenden welt, wird es meistens spät. polizeistunde gibt es nicht, denn es gibt keine polizei bei uns.

vielleicht ist alles zu schön, um wahr zu sein. aber wir geniessen es, so lange es währt. mit offenen herzen, mit klarem verstand, mit unbändigem zukunftswillen.

 

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