18 – kuppel und kamin

veröffentlicht am 16. september 2012 von anna rider

der raum ist hell, und die bewegungen eingespielt. wände, böden, sogar die decken sind weiss gekachelt, und täg-lich abgespritzt. nicht die kleinste spur von leben darf noch bleiben. zwei türen führen in den raum, eine rein und eine raus - und nicht umge-kehrt. alles was hier angeliefert wird, ist längst tot und ausgenommen. vom leben zerschlissen, vom alters-heim zum wrack betreut, vom spital zu tode behandelt und von der patholo-gie verflixt und wieder zugenäht. und alles, was hier rausgeht, kommt in den grossen ofen.

das berühmte wolkenbild, die engagierten reden und das geschäftige treiben im raum verdecken die weissen kacheln und den strengen geruch nur unzureichend, und täuschen bloss mangelhaft darüber hinweg, dass hier einzig totenwägelchen durchgeschoben werden. die illusion, über dem urnersee und vielleicht auch wirklich über allem zu schweben verdeckt die realität, dass wir uns tatsächlich im tiefsten kellerverlies, im grössten brennofen der demokratie befinden.

würdevoll und unerträglich langsam fahren die schwarz lackierten leichenwagen vor, mit zugezogenen vorhängen und diskret angebrachtem schriftzug ‘vernehmlassung’. jeder handgriff ist darauf bedacht, die totenruhe nicht zu stören und mit dem balsamierten und geschminkten körper nicht die sensiblen und kadaverungewohnten augen allfällig unerfahrerener anwesender zu schockieren. das business mit dem tod ist delikat und nichts für laien.

wir befinden uns in den heiligen hallen, und nichts ist heiliger als der tod. die leichname, die hier durchgeschoben werden, sie haben unverfängliche namen. sie heissen ‘antrag’, ‘revision’, ‘erlass’ oder ‘initiative’. in gesalbten, manchmal aber auch unerbittlich brutalen worten wird gericht gehalten über die dahingeschiedenen seelen. die abläufe sind ritualisiert und die liturgie vorgegeben. hier wird nicht verhandelt, hier wird verabschiedet. nun scheidet sich der weg, wie beim jüngsten gericht: ewiges leben oder immerwährende verdammung. das urteil ist unfehlbar – zwar nicht göttlich, aber doch zustandegekommen durch eine einfache mehrheit. alles, was vor das gericht tritt, ist längst gestorben, und alles was es verlässt, ist zu keimlosem staub zerfallen. bereit, um in alle winde und über das ganze land zerblasen zu werden, ohne irgendwelche spuren zu hinterlassen.

je grösser die gesten, desto kleiner meist die relevanz. je starrer die abläufe, umso toter ist das ritual. und falls es eine steigerung von gestorben geben sollte, dann ist es sicher unser umgang mit dem tod. und deshalb wahrscheinlich auch die eingespielten abläufe in der politik: wenn haltung gefriert wird sie folklore.

ist es angesichts dessen nicht umso verwunderlicher, dass gerade unser anliegen, welches die ausgetretenen und schön gepflasterten pfade der vernehmlassung neu überdenken und in die praxis einer gelebten, lebendigen demokratie überführen will, dass genau dieser antrag die übernutzten wege zu umgehen scheint? dass nun unter allen berechtigten begehren zufälligerweise präzise unser ‘dü-law’ auserwählt wurde, die niederungen des purgatoriums zu umgehen und  – ohne zu tode zerpflückt zu werden – quicklebendig vor das jüngste gericht treten darf?

ob das militärdepartement aus politischem kalkül, aus scham oder gar aus überzeugung handelt, ist letztendlich irrelevant. was zählt ist bloss, dass düland am 28. september 2012, dem letzten tag der herbstsession, die chance erhält, lebendig durch die hallen von bern zu kommen. und diese vielleicht sogar als neugeborenes ländchen zu verlassen, und nicht als weisses räuchlein aus dem grossen kamin. man darf ja noch hoffen.

 

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