3 – das herz der schweiz

veröffentlicht am 31. Oktober 2011 von anna rider

die whiskyflasche für den sieg an der diesjährigen poetry-slam schweizermeisterschaft hat mir bekanntlich gabriel vetter weggeschnappt. einer der texte, die mir am besten gefallen, hat er damals aber nicht vorgetragen. in diesem spricht er unter anderem darüber, dass der ‘souverän’ in der schweiz immer recht habe, egal wie absurd das ergebnis. der vortrag endet dann mit den worten:

…und dann heisst es, die schweiz habe kein herz. natürlich hat die schweiz ein herz… ich habe neulich ein werbe-plakat gesehen für den gotthard, den berg: ’der gotthard – das herz der schweiz’…
das herz der schweiz ist ein riesiger brocken aus stein. und dieser stein ist mit löchern durchbohrt. und in diesen löchern hocken die deutschen im stau und singen la paloma…’

doch eigentlich würde ich sagen, dass die schweiz noch recht rüstig ist, für ihr alter. im vergleich mit ihren jüngeren nachbarn noch recht fit, zwar haben sich auch einige fettpölsterchen angesetzt, an den hüften und am bauch. der arsch ist breit geworden und die finger klobig. jede bewegung ist nun eine anstrengung, jede regung verbraucht unnötig energie, jeder wandel beinhaltet die gefahr einer veränderung zum schlechten. das herz ist verfettet von zu vielen guten jahren und zerschlissen von zu viel empörung und wut.

noch schwerer jedoch wiegt der überflüssige balast auf unserem rücken. das zu grotesken auswucherungen verformte selbstbild unserer nation. in immer dickeren lagen schminken wir uns ‘ländlich’ aufs gesicht, weil in den rissen des aufgemalten ‘dorfes’ immer mehr durchschimmert, dass längst alles von zusammenhängender ‘stadt’ überwuchert ist.

schwierig wird der ausflug in ein neues leben, wenn die schuhe zu schwer sind für die flügel. die scholle klebt, man lässt sie gerne kleben, sie ist angeschraubt, vernagelt und gedübelt.

mehr noch als der gotthard erschien mir selber immer das flughafenareal als zentrum unseres landes. der flugplatz dübendorf ist das herz der schweiz: es ist eingezäunt, flach und leer. unser ziel sollte es sein, dieses herz mit leben und mit sinn zu füllen, damit es nicht mehr nur aus trotz noch schlägt, sondern wieder mit zukunftsglauben und freude.

 

> gabriel vetter, slampoet, letztes jahr an der künstlerbörse in thun (youtube)

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