32 – die letzte allmende

veröffentlicht am 21. dezember 2022 von anna rider

den allergrössten teil ihrer bekannten existenz verbrachte die menschheit als jäger und sammler. das leben war im einklang mit der natur: angenehm einfach und unsäglich brutal. ein sich selbst regulierendes system im sinne einer endlosen tragödie.

der sich langsam entwickelnde und ausbreitende ackerbau und die viehwirtschaft ermöglichte sodann die sesshaftigkeit und mit ihr die entstehung von städten, berufen, künsten und ganzen reichen samt ihren heeren. es war nicht mehr nötig, dass jeder sich sein essen selber zusammensuchte – man konnte auch jemanden anders dafür bezahlen, weil der gezielte anbau nahrung bot für zwei. ein ungeheures bevölkerungswachstum war die folge und mit ihm unzählige kriege um prestige und boden. noch immer aber blieb die empfindliche abhängigkeit von der natur und vom wetter. eine kleine klimaänderung oder ein paar schlechte jahre konnten ganze reiche zum verschwinden bringen. oft genug blieb nur die auswanderung. glücklich, wer dann über die bessere technologie verfügte oder die besseren waffen.

doch erst die entdeckung der fossilen energieträger, der raubbau an den über jahrmillionen entstandenen ressourcen und deren konsumation innert jahrzehnten liess die menschheit explodieren und – zumindest diejenige hälfte von ihr, die mehr glück hatte – fast unabhängig werden von den launen der natur. unser korn wächst nun auf watte und erdöl sättigt unsere hungrigen mäuler. krieg als mittel der neuverteilung ist nun verpönt, und auswanderer werden als wirtschafts-flüchtlinge bürokratisiert und zurückgeschafft. noch immer sitzen die westlichen länder am längeren hebel, haben bloss die politische durch die subtilere, aber nicht minder brutale wirtschaftliche unterdrückung ersetzt. doch der hebel wird immer kürzer.

bald werden wir dastehen auf einer erde mit 8 milliarden menschen, von denen vielleicht die hälfte ohne die hilfe von künstlichen düngemittel und fossilen treibstoffen ernährt werden kann. dann wird sich zeigen, wohin der grenzbereich unserer solidarität sich entflüchtet und wie schnell wir uns den humanismus vom blanken körper klopfen.

so wie düland, in den letzten acht jahren der letzte funktionierende staat in einem chaotischen europa und einer zerstörten schweiz, so müsste die menschheit ihre kräfte sammeln statt sich gegenseitig zu konkurrenzieren und zu schwächen. die welt ist brutal genug, es braucht unsere erbarmungslosigkeit nicht. es kann der ignoranteste nicht in frieden leben, wenn sein nachbar hungert. so wie der unglückselige  inselstaat nauru verloren und einsam im pazifischen ozean so treibt die erde in den unendlichen weiten des alls. wir können nur hoffen, dass die menschheit nicht mit der selben unvermeidlichkeit in die tragödie schlittert wie die einwohner dieser einst so reichen insel.

die erde ist die einzige, die letzte allmende der menschheit. entweder wir lernen, diese gemeinsam nachhaltig zu bewirtschaften, oder es wird hier bald ziemlich ungemütlich werden, für uns, für alle.

 

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