16 – die schweiz macht ein junges

veröffentlicht am 19. august 2012 von anna rider

‘zuspätgedanken’, der titel eines textes, den ich eigentlich für den nächsten poetry-slam vorgesehen hatte, scheint mir nun selbst zur hypothek zu werden. obwohl ich mich immer wieder daran versuche, werde ich ihn wohl nicht rechtzeitig fertig kriegen. verpasste chancen und ver-schleppte einsichten sind scheinbar nicht bloss das thema des textes, sondern auch sein schicksal. statt prägnanter wird die geschichte bloss länger und trauriger.

da meine beiden wg-mitbewohner ZACH BREST und joris van holden gestern fast gleichzeitig nach hause kamen, haben wir wieder mal zusammen gekocht, spaghetti alla frigo, extra scharf. irgendwie kamen wir dann – unter moderation eines seit langem herumstehenden crianza-irgendwas-denner-weines – auf meinen text zu sprechen, über die unbarmherzigkeit des physikalischen phänomens, das wir zeit nennen, und das unvermögen des menschlichen gehirns, seinen platz darin zu finden.

» zeit ist ja eigentlich biologisch, oder? // DU UND DEINE BIOLOGIE. // wie meinst du, biologisch? // JEDES MAL KOMMST DU MIT DER BIOLOGIE. // ich meine ja nur, zeit ist herzschlag und muskelzucken. und erinnerung. vielleicht gibt es dinge, die so schnell leben, dass wir sie gar nicht wahrnehmen können mit unseren beschränkten sinnen. oder so langsam. // zum beispiel die eintagsfliege: pupertät, hochzeit und altersheim, alles am gleichen tag? // GEILE SAUCE. IRGENDWAS SCHARFES, ODER? // stimmt, das mit der eintagsfliege. und dann wir menschen – haben vierzig jahre zeit für nachwuchs zu sorgen und verpassen dann doch irgendwie die gelegenheit. oder können uns nicht entscheiden. // ist es zu scharf? // NEINNEIN. FÜR MICH KÖNNT’S NOCH VIEL SCHÄRFER SEIN! // also, mir schmeckt’s. // das ist doch das thema deines textes, oder? die un-umkehrbarkeit der zeit? die unmöglichkeit eines neuanfangs? // soll ich noch eine flasche aufmachen? // manchmal wär es ja schon noch gäbig, oder, wenn man sein gehirn mal neustarten könnte? all den ballast, der sich angesammelt hat, loszuwerden, den speicher zu leeren, ein neues betriebssystem einzu-äh – heh, zach, geht’s? du hast ja einen voll roten grind. // ALLES OK, JO. ICH HOL MIR BLOSS NOCH EINEN SCHLUCK WASS..  AH JA, WEIN IST AUCH GUT, DANKE. // wie in dem film ‘eternal sunshine of the spotless mind’, kennt ihr den?  // NÖ. // auch nicht. // kennt ihr sicher. jim carrey und kate winslet? der typ, der sich die erinnerung an eine gescheiterte liebesbeziehung löschen lässt, aber dann merkt, dass er mit den schlechten auch alle guten erinnerungen verliert? echt nicht? // VERDAMMT, IST DAS SCHARF! // jim-carrey-filme schaue ich normalerweise nicht an… // es hat noch sauce. wer will noch? oder doch zu scharf, zach? // ACH WAS! ABER ICH BIN GLAUBS GRAD SATT… // also ich nehm noch ein bisschen. hast du den? den film, meine ich?

und so kam es, dass wir dann zu dritt auf meinem bett hockten und auf meinem viel zu kleinen laptop-bildschirm den film mit dem albernen deutschen titel ‘vergiss mein nicht!’ anschauten. irgendwann verschwand ZACH fluchtartig im bad. wir pausierten den film.

» wär doch auch ein motto für dein düland, oder? ‘ewiger sonnenschein des unberührten geistes’, oder so ähnlich. // mhm. // ich meine, was sind nachkommen anderes, als unverdorbene varianten von einem selber, ein neuer versuch, eine carte-blanche-version der eigenen gene, gepaart mit denjenigen eines anderen ausgesuchten individuums? // mhm? // erwachsene sind doch dieses deprimierende ungetüm aus resignation und kompromissen. wieviel schöner ist doch da ein frischgeborenes baby, mit seinen potentiell unbeschränkten möglichkeiten. ohne ballast und rücksichtslos ehrlich? // mhm. // oder was meinst du? // stimmt natürlich, obwohl ich immer auch an die möglichkeit einer eigenen neuerfindung gedacht habe, weisst du? ‘ich ist ein anderer.’ // klar. aber du weisst ja: ‘was macht man, wenn man all seine lebensziele erreicht hat? einen goof!’ // jaja. // die schweiz macht ein junges. // haha. // ein kind… // … EIN KIND WARD UNS GEBOREN. // hey, zach, geht’s wieder? // ALLES BESTENS.  ALLES BESTENS. UND GOTT SANDTE SEINEN EIGNEN SOHN. GESTORBEN FÜR UNSERE SÜNDEN. MEHR WEIN! // warum kommt er jetzt mit dem christentum? // ist ja auch eine heilsgeschichte… // JESUS! // ist ja gut, zach. // schaut ihr noch weiter? ich glaub, ich geh jetzt langsam ins bett. // ja, es ist spät. // GOTTES SOHN! // zach… // UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS! // zach, jetzt hör mal auf, bitte! // JEEEESUS!!

so geht das. normalerweise. düland, das kind der schweiz: vergessen geglaubte leidenschaften wecken, unzüchtige gedanken, feuchte träume – ein wunschkind, ein produkt der liebe, ein bastard - ein quentchen perversion, ein tröpfchen ekstase, ein bisschen schwangerschaft  -  und ein wenig erlösung.
oder, mit alexander pope:

how happy is the blameless vestal’s lot!
the world forgetting, by the world forgot.
eternal sunshine of the spotless mind!
each pray’r accepted, and each wish resign’d.

 

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