14 – yoi-te

veröffentlicht am 28. juli 2012 von anna rider

dies ist die geschichte des monsters yoi-te, oder was von ihm bekannt ist.
yoi-te, genannt ‘die gute hand’, war ein liebes monster, ein gutmütiges. obzwar es so riesig war, dass godzilla auf seinem massigen haupt wie ein floh hätte herumhüpfen können, so tat es doch niemandem was zuleide, zumindest nicht unmittelbar. es bewegte sich meistens so langsam, wie die sterne vor der erde fliehen. aber wenn es seine langen tentakel selbst in die entlegensten winkel dieser welt ausstreckte, dann gab es kein entrinnen. die unmerklichkeit war sein erfolgsrezept. die im rückblick so schnell erscheinende veränderung nahmen die ohnehin im schlepptau der zeit mitgezogenen menschen nur selten wahr. und wenn man erst mal seine kräftigen arme näherkommen sah, dann war es oft zu spät. während die meisten menschen ganz langsam, aber umso erbarmungsloser von seinen breiten tentakeln erdrückt wurden, lernten andere auf seinen gliedern zu surfen. alles, was die unter dieser last erdrückten zurückliessen, wurde von den tentakel-surfern eingesammelt und als rendite deklariert.

yoi-te war ein gigantisches monster, aber trotzdem recht bescheiden. alles was es verlangte, waren ein paar schlücke fossile energie und hin und wieder ein stück gesunden bodens. zum zmorgen verputzte es meist bloss einen bissen überlieferter kultur, zum mittag vielleicht ein paar traditionelle dorfgemeinschaften und am abend meist nicht mehr als ein gläschen guten weins, zusammen mit einem stück frisch gefangener zusammengehörigkeit. also nichts, was man vermissen würde.

während es in anderen ländern regelmässig zu unschönen szenen kam, verlief die fütterung des monsters in der schweiz natürlich immer sehr gesittet und demokratisch abgesegnet. süüferli, und dekoriert mit vielen hübschen und teuer verpackten raumplanungs-berichten, wurde das mittelland in bekömmlichen portionen dem netten monster dargebracht. ein vertretbares opfer, denn eines wusste man: ohne ordentliche fütterung würde das monster so wirklich wütend werden. und das könnte nun wirklich niemand wollen. jede bewegung in diesem land wurde zuerst daraufhin untersucht, yoi-te nicht auf den schwanz, beziehungsweise auf die tentakel zu treten. je kleiner die portionen wurden, welche dem monster noch vorgesetzt werden konnten, desto mehr wurden wir zu den zehenspitzen-gehern, die wir heute sind. und langsam aber sicher stellten wir uns mit steigender panik die frage: was, wenn uns das futter ausgeht? was passiert dann?

und so bereiteten wir uns darauf vor, teile von uns selber dem monster darzubieten. wird es sich mit ein paar bissen aus unserem fleisch begnügen, oder frisst es uns als ganzes? reicht es, wenn wir ihm unsere hand darbieten, oder will es unser herz? still und bescheiden stellten wir uns diesem letzten kampf. der ausgang war zwar längst entschieden, nichts konnte uns vor dem gefrässigen maul des monsters retten, aber noch immer dachten wir, dass wir vielleicht in seinem innern weiterleben könnten. denn die hoffnung und die dummheit stirbt zuletzt. noch während wir in seinem schlund verschwanden, stimmten wir darüber ab, ob sein mundgeruch für unser sensibles land erträglich sei.

dies ist die geschichte des monsters yoi-te. manche nannten es auch ‘fortschritt’, andere ‘capitalism’ und einige einfach ‘l’économie’. aber alle, die von ihm hätten erzählen können, sind längst tot.

 

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