12 – sehr geehrte

rede vom 14. juli 2012


sehr geehrte vertreter, werteste gewählte, liebe experten,
sehr geehrte damen und herren.

nun sind wir also wieder hier, auf dem gelände des flugplatzes dübendorf und ich verstehe ihren tapfer überspielten unmut. schon wieder ein vorschlag für dieses seit längerem mit wunschvorstellungen überschwemmte areal. das scheinbar so leere grundstück quillt ja förmlich über von ideen und weckt begehrlichkeiten von allen seiten. das arme stück verseuchten bodens scheint der feuchte traum aller städteplaner, architekten und all der anderen spinner mit zu viel fantasie zu sein.

sie, die verantwortungsträger, mögen es nicht mehr hören, und wer könnte es ihnen verdenken. es wäre doch so einfach, der geschichte ihren natürlich vorbestimmten lauf zu lassen. das areal wird, nachdem es nicht mehr als militärflugplatz gebraucht wird, wieder auf die gemäss grenzlinie festgelegten gemeinden aufgeteilt und ordnungsgemäss eingezont – ein bisschen wohnen, ein wenig gewerbe, ein teil sondernutzung und ein grosser, grüner park. so ist dann niemand ganz glücklich, aber auch niemand ganz unzufrieden. ein breit abgestützter kompromiss, so breit, dass er jedwelches leben unter seinen grossen sohlen zuverlässig erstickt. dann kehrt endlich wieder ruhe ein.

doch wir sagen euch: das schlimmste, was ihr machen könnt, ist das gebiet aufzuteilen. natürlich, wirtschaftlich ist es kurzfristig wohl die beste lösung, den flugplatz wie ein schönes säuli abzustechen, aufzuschneiden, zu filetieren und die stückli an die reiche kundschaft zu verhökern. schon in wenigen jahren wär das tierchen konsumiert, aufgefressen, und kein knöchelchen würde noch an das einst stolze tier erinnern. der dickflüssige mittellandsbrei würde durch das absprerrgitter fliessen, als wäre nichts gewesen, und wohl eher früher als später alles, was nicht niet- und nagelfest ausgezont ist, seinem unersättlichen, unappetitlichen fettpolster einverleiben.

zwar sind sich fast alle involvierten fachpersonen einig, dass auf dem gelände, durch seine schweizweit einmalige situation, auch eine einmalige nutzung zukommen soll. die meinungen gehen dann allerdings meilenweit auseinander, was als ‘einmalig’ einzustufen sei. ist ein innovationspark einmalig? eine formel-1-strecke? ein freizeitpark?

doch wir sagen euch: die nutzung ist zweitrangig. wichtig ist bloss die unabhängigkeit. ob auf dem land ein urbaner wald ensteht, die ganze fläche mit einem spiegel ausgelegt wird, oder in temporär genutzte parzellen individueller nutzung aufgeteilt wird – hauptsache ist, das gelände bleibt ein ganzes, und als ganzes unabhängig. nur in abgetrennten enklaven können neue lebensformen entstehen.

die frage ist letztendlich immer die selbe: wo wollen wir hin? wollen wir bloss noch die letzen warmen strahlen der abendsonne geniessen? dann können wir das land verkaufen, es uns mit den überresten unserer kleinfamilie vor unsrem vorstadt-minergie-einfamilienhäuschen gemütlich machen, leicht beduselt von der unverbindlichkeit unseres seins. und wenn es dann dunkel wird, ziehen wir uns zurück in unseren schutzraum, machen die schotten dicht und warten bis uns die ideen oder die vorräte ausgehen.

oder aber wir sorgen dafür, dass unsere nachfolgenden generationen, unsere kinder, für deren wohlergehen wir ja alles zu unternehmen vorgeben, nicht nur eine sichere gegenwart erhalten, sondern auch eine lebenswerte zukunft. und zukunft ist nicht möglich ohne opfer. zukunft ist risiko und harte arbeit. zukunft kommt nicht, wie sie kommt, sondern wie man sie pflanzt.

lasst uns das nächste kapitel aufschlagen zum projekt der schweiz. öffnen wir den spielraum des ‘politisch machbaren’. abwürgen ist einfach, laufen lassen ist schwierig: es könnte überschwemmungen geben. aber ohne unkontrollierte wassermassen wird nichts spriessen in der wüste. doch nicht einmal das wollen wir. wir fordern keine anarchie, noch nicht. wir fordern nur 250 hektaren unschuldigkeit, ein 16-tausendstel der schweiz, ein krümel der welt, der nicht dem täglichen überleben geschuldet ist, sondern der zukunft der menschheit.

pathetische worte, fürwahr. unbescheiden, unangebracht, unschweizerisch. denn was wir fordern, ist kein neues kleines accessoire für unser land, sondern ein ‘kleiner bruder, der in frage stellt, der aufmüpft und all das machen darf, was wir, als verantwortungsvoller, vorbildlicher, vernünftiger grosser bruder nicht denken durften oder nicht zu tun wagten.’ ‘was wir brauchen, ist ein neuanfang, unbeschwert und unbelastet. was wir brauchen, ist ein neues land, ein kleines, freches. was wir brauchen, ist düland.’

ihr sagt uns: wir brauchen nichts. lieber mehr vom gleichen als ein schluck vom anderen. wie soll ein ex-patriertes ländchen von ‘spinnern und asozialen’ der schweiz weiterhelfen? wir verstehen eure bedenken, aber wir verstehen nicht eure angst. düland ist selbstregulierend, reversibel und freiwillig organisiert. und das beste ist: ‘es choschted nüt!’

darum fragen wir euch: was ist eure angst? malt uns eure angst. wie sieht sie aus? was macht sie stärker als euch selbst? wir leben im vielleicht sorgenlosesten land einer welt der menschen in ihrem materiell reichsten zustand überhaupt. wer, wenn nicht wir sollte nach neuen wegen suchen? wer, wenn nicht wir kann es sich erlauben, das richtige zu tun und nicht bloss das nötige? wer, wenn nicht wir hat die möglichkeit, seinem land ein geschenk für die zukunft zu machen, und damit vielleicht auch ein bisschen der ganzen welt? wer, wenn nicht wir?

damit die schweiz nicht mehr bloss als land der schoggi, berge und banken – anders gesagt als hort von fettleibigkeit, massentourismus und steuerhinterziehung – angesehen wird, sondern eine plattform erhält für ihre wahre spezialität: der direkten demokratie, auf die wir gerechterweise stolz sind. aber bedenkt: ein bisschen anders ist kein sonderfall. die antworten auf fragen von gestern zu wissen, hilft nicht weiter. der 150. innovationspark für technologische neuerungen ist gut. das 1. zukunftslabor für gesellschaftliche und politische weiterentwicklung ist jedoch besser.

eine welt, deren nationen am ende ihrer strahlkraft und politischen legitimation sind. eine erde, deren geraubten fossilen ressourcen langsam aber umso sicherer zu ende gehen. eine gesellschaft, in der die ungleichheit wächst wie ein bakterium in der petrischale. eine menschheit, deren entstehung immer klarer und deren ziel immer unklarer wird. und sie sagen uns, wir brauchen keine alternativen, wir brauchen keine unabhängige nation für freilandversuche an utopien, wir brauchen kein düland?

wir sagen euch: fürchtet euch nicht! was wir brauchen ist nicht ein bisschen mehr, sondern ein bisschen alternativen. und nicht, weil sie noch nett wären, sondern weil sie unser überleben sichern. den herausforderungen der globalisierung, der internationalen finanzkrisen und der weltweiten flüchtlingsströmen ist kein kraut gewachsen. vielleicht auch nicht düland. aber niemand kann die zukunft voraussagen. umso weniger können wir es uns leisten, zukunft nicht wenigstens auszuprobieren. und deshalb fordern wir düland. mit vehemenz, mit wenig skrupel, mit wehendem haar. alles andere ist verschwendung.

vielen dank.

 

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