22 – die eltern

veröffentlicht am 20. oktober 2012 von anna rider

sie ruft uns zu, die nation: wir wollen sein ein einzig volk von brüdern. frei sein, wie die väter waren. und natürlich ist sie, die nation, genau das für uns, sind wir ‘natio’, hineingeborene, gewollt oder ungewollt, hineingeworfen in dieses leben und dieses land, das wir uns genau so wenig aussuchen können, wie unsere eltern. und wie jene führte uns die nation durch unsere kindheit und unsere jugendjahre, beschützte uns vor den bösen nachbarskindern und vor uns selbst, pflegte uns, wenn wir krank waren, schaute, dass wir was rechtes lernten und tröstete uns vielleicht auch, wenn wir kummer hatten.

doch anders als kluge eltern, die ihre kinder irgendwann, nach vielen furchtbaren und im nachhinein unbegreiflichen kämpfen, ziehen lassen, denkt die nation nicht im traum daran, uns selbständig werden zu lassen, im gegenteil. mit immer neuen erziehungs-experten und vormundschaftsbehörden will sie uns vor unserer eigenen irrationalität bewahren und unserem scheinbaren drang zur selbstzerstörung, auf dass wir niemandem was zu leide tun, anständig seien, uns mehr bewegen und gesünder ernährten und: junge, zieh jetzt endlich eine jacke an, gopfridstutz. und weil selbstzerstörung die letzte mögliche rebellion ist, machen wir natürlich genau das.

gleichzeitig macht sich jedoch auch irgendwann die vortreffliche bildung, die unsere erzeuger uns haben angedeihen lassen, bemerkbar, all die teuren schulen und die hin und wieder aus diesen gebirgsmassiven von unnützem wissen hervorquellendenn erkenntnisse wahren lebens. und wir schauen durch ihre leeren worte und mahnungen wie durch ein leeres revolvermagazin, und sehen, dass sie all ihre schreckschüsse längst vergeudet haben. und wir erkennen, dass all ihre experten und vertreter, die sich politiker nennen, schon lange nicht mehr uns beschützen wollen, sondern bloss noch sich selbst vor ihren eigenen fehlern. denn die taktik unserer eltern, das wir unsere vormundschaft selber wählen können, schützt uns zwar vor deren missbrauch, macht sie aber gleichzeitig völlig nutzlos. welcher vormund würde schon seine stelle durch irgendwelche drastische erziehungsmassnahmen riskieren, wenn er weiss, dass er von der gunst seiner zöglinge abhängig ist. er wird es bei ein paar halbherzigen ermahnungen belassen. niemand züchtigt die hand, die seinen namen auf den wahlzettel schreiben soll.

so werden wir jung bleibend älter. und irgendwann, nach anfänglicher belustigung und steigender besorgnis, blicken wir auf unsere älter werdenden eltern und nationen, ihre schrullen und eigenheiten, schauen zu, wie sie vergesslicher werden, unselbständiger, sich mit falschen freunden umgeben und sich in der wirtschaft übers ohr hauen lassen. doch wir halten uns zurück und lächeln entschuldigend, wir sind doch bloss ihre kinder, ein leben lang, und sie unsere behüter und grossen vorbilder. sie sollten es doch besser wissen, sie und all ihre gut bezahlten berater. und je mehr unsere vormünder betonen, dass alles bestens läuft, desto nervöser werden wir, und desto sicherer sind wir, dass irgendwas schrecklich schief gelaufen ist.

und dann, plötzlich, ist es zu spät, das familienerbe verspekuliert, verschenkt, vererbt an irgendeine obskure stiftung, eine selbsthilfeorganisation für krebskranke katzen. und wir stehen da, kratzen uns am schädel, der auch schon mal mehr haare gehabt hat, und fragen uns, ob es nicht vielleicht doch bald zeit wäre, selbständig zu werden, vielleicht noch, bevor wir unsere alten und unsere nationen unter tränen zu grabe tragen und ihre schulden für den rest unseres eigenen lebens abzahlen müssen. und dann merken wir, dass wir gar nie gelernt haben, was es überhaupt heisst, verantwortung zu übernehmen. und wir stehen da, in diesem haus, das uns nicht mehr gehört, und schauen unseren kindern, die es wohl niemals mehr so einfach haben werden wie wir, beim spielen zu, und wir denken: verdammt.

 

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