13 – versuche über politik

veröffentlicht am 21. juli 2012 von anna rider

politik ist – wie die medizin – keine wissenschaft, sondern eine kunst.
es ist nicht nur das ergebnis, das endprodukt, was sie ausmacht, sondern auch dessen entstehung. was nützt die teuerste behandlung, das beste medikament, wenn bereits die diagnose falsch war. das werk ist nicht zu trennen von seinem erschaffer. nichts ist so veraltet (und oft gerade deshalb erfolgreich), wie antworten auf fragen von gestern - seien es gesetze oder kunstwerke.

wie die kunst bräuchte auch die politik nicht nur ihre mäzene und förderer, sondern auch ihre freiräume. die gelegenheit zum kostenlosen aufenthalt in einem pariser atelier oder in der toscana, vielleicht. die möglichkeit für unbeschwertes ausprobieren, ohne rechenschaft darüber abgeben zu müssen, ohne zwang zum ergebnis, sondern mit dem ziel des findens und weiterentwickelns einer eigenen sprache. während es für kunstschaffende (dieses wort!) hunderte von angeboten, förderprogrammen, unterstützungsbeiträgen und rückzugsmöglich-keiten gibt, gleicht die politik – zumindest die nationale - eher einer populären tv-show, einer samstagabend-kiste, mit einem maximum an reichweite und finanziellem aufwand, am nächsten tag jedoch bereits vergessen. gegen die art von unterhaltung ist nichts einzuwenden, überraschende fragen zur gegenwart und unkonventionelle lösungen für die zukunft sollte man von ihr jedoch nicht erwarten.

während der künstler also auch im stillen kämmerlein seine kunst entwickeln kann, ist dies für die politik etwas schwieriger, weil ihr gegenstand das eigene volk und ihr material dessen einwohnerinnen sind. und da, zumindest in unserer fastdirekten demokratie, die bürger gleichzeitig auch ein wenig mitautoren dieses kunstwerks sind, und es nicht allzu gerne sehen, wenn man ihnen in ihren farbtöpfen herumfuhrwerkt, ist die möglichkeit zum experiment minim.

wie die medizin beruht jedoch auch die staatsführung auf erfahrung und erforschung. wenn die nation die krankheit ist, so ist politik das medikament (oder mindestens das placebo, das uns ruhig stellt). doch wie jedes medikament hat auch jede politik ihre nebenwirkungen. die minimierung dieser nebeneffekte sollte das ziel von beiden sein. die medizin hat zu diesem zweck medikamente-tests an ausgewählten freiwilliegen testpersonen eingeführt.

und genau dies soll ‘düland’ sein: ein test-land, das stellvertretend für die ganze nation ‘neue politik’ ausprobiert, bevor sie in grossem stil eingeführt wird. wie in jeder empirischen wissenschaft ist eine lösung immer nur so lange richtig, bis neue erkenntnisse diese lösung ergänzen oder umstossen. das suchen nach neuen erfahrungen sollte deshalb nicht nur in der medizin, die unseren körper und in der kunst, die unseren geist gesund hält, sondern auch in der politik, die auf unser gesamtes zusammenleben einfluss nimmt, gefördert werden. alles andere ist fahrlässiges beharren auf dem status quo. oder faulheit des denkens.

 

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