6 – harte landung

veröffentlicht am 28. mai 2012 von anna rider

warum. warum landet man immer nach dem unschuldigen rundgang durch den vorratsraum der hoffnung direkt in teufel’s küche? warum ist ein bisschen meistens zu wenig und ein bisschen mehr so oft zu viel? warum endet, was mit einem traum beginnt, stets beim anwalt?

den anfang erhalten die dichter, das ende die moralisten.

natürlich waren wir naiv. natürlich hätten wir es wissen müssen. natürlich war es ein fehler. aber eine ‘offensichtliche bedrohung’ und ‘unkontrollierte aggression’, wie es das militär darstellt? wenn unser trüppchen von vielleicht zweihundert friedlichen demonstranten vom 26. mai beim flugplatz dübendorf für unsere armee eine schwerwiegende gefahr darstellt, dann mache ich mir wirklich sorgen um sie.

dass die paar verirrten soldaten, die für die sicherheit des areals sorgen sollten, mit der situation überfordert waren, kann man verstehen. nicht verstehen kann man hingegen, dass die auf eine solche konfrontation nicht im mindesten vorbereiteten rekruten mit scharfer munition harumlaufen. dass einer von ihnen dabei die nerven verliert und beginnt um sich zu schiessen, ist da beinahe vorprogrammiert.

schlimm ist nicht die untersuchungshaft, aus der ich nun gerade entlassen worden bin. schlimm ist auch nicht die reaktion der armee-führung, welche sich selbverständlich bis jetzt noch in keinster weise entschuldigt hat. viel, viel schlimmer sind die vorwürfe, die wir uns machen, dass wir nicht verhindert haben, dass der demonstrationszug den chaoten, welche das tor zum flugplatz aufgebrochen hatten, auf das areal folgte.

am schlimmsten jedoch ist, dass dabei menschen, unter ihnen auch die jüngere schwester unserer mit-organisatorin bettina walther, nora, schwer verletzt wurden und zum teil noch immer in lebensgefahr schweben. selbverständlich werden wir uns durch die dilettantische, ungewollt brutalen aktion des militärs, auch wenn es vielleicht ein unfall, das versagen eines einzelnen soldaten war, nicht von unserem anliegen abbringen lassen, im gegenteil. aber trotzdem sind unsere gedanken momentan ausschliesslich bei den verletzten mitstreiterinnen und mitstreiter unserer kundgebung von letztem samstag.

und so hoffe ich innbrünstig, dass nora, wenn ich sie heute abend im spital besuche, wieder aufgewacht ist und vielleicht sogar schon wieder lächelnd auf ihrem spitalbett sitzt. das hoffe ich, wie sonst noch nichts in meinem leben.

 

> tagesanzeiger vom 28. mai 2012

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