10 – knochen

veröffentlicht am 20. juni 2012 von anna rider

nackt steht es da nun, unser vater-land, und nicht in besonders anmuti-ger gestalt. die schweiz hat sich des drecks ihrer mythen und sagen spät, aber umso gründlicher entledigt. sie hat sich ihre kulturelle identität vom schlanken leib gewaschen und geschrubbt, bis nur mehr die blanken knochen einer dienstleistungsgesell-schaft sichtbar waren, umhüllt bloss noch von einem schutzmäntelchen aus folklore und ‘direkter demokratie’.

als skelett stehn wir nun da und sind auch noch stolz darauf. da fault nichts bei uns, und kein gestank trübt unsre sinne. keine maden fressen unsren speck und kein wurm ist drin in unsrem müden fleisch.

was wir brauchen, ist wieder blut zwischen den knochen. was wir brauchen ist ein neues herz, und zwar nicht aus plastik. ein neues herz, um das herum vielleicht wieder ein neuer mensch heranwachsen kann, eine wahre persönlichkeit mit einer lebendigen geschichte und unsicherer, aber lebenswerter zukunft, statt diesem gut geschmierten, wartungsarmen roboter. tot ist alles, was nicht stolpert, stinkt und sterben kann.

die schweiz war einst, im 19. jahrhundert, gleichzeitig versuchsarzt und testperson für spannende, wenn auch sicher schmerzvolle operationen am lebendigen politischen leib. heute hat sie sich auf schönheitschirurgie spezialisiert, weil nach allzu vielen geglückten versuchen und erfolgreichen operationen alle organe längst ersetzt sind und das blut bis zur durchsichtigkeit erneuert. alles zurechtgeschnippselt, alles kuriert, ist das land nun perfekt gerüstet für die vergangenheit.

wehe aber, wenn ein unbekannter erreger oder neues unheil droht. dann bricht immer wieder die selbe panik aus, welche sich anfangs in form von überheblichem ‘uns kann nichts passieren’ zeigt, der arroganz des spitzensportlers. diese geht über in allzu langes, defensives ‘abwarten und beobachten’, die taktik des aussitzens. und gipfelt schliesslich jedes mal in verzweifelter überreaktion. der optimal trainierte und medikamentierte körper ist schrecklich anfällig auf neue krankheiten und veränderung. die natur trotzt dieser stets drohenden gefahr mit einer blutauffrischung, fremden genen, einer neuen generation. und die nation?

 

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9 – tell

veröffentlicht am 16. juni 2012 von anna rider

noch sind trauer und wut viel zu gross, um wirklich schreiben zu können. eine woche ist vergangen seit der unendlich traurigen beerdigung von nora. die medien haben sich nach viel empörung, schuldzuweisungen und rücktrittsforderungen wieder anderen themen zugewandt. für uns aber ist nora keine ‘story’ und keine ‘tragödie’, sondern eine für immer verlorene freundin, unschuldiges opfer einer sinnlosen überreaktion auf eine wohl ebenso sinnlose provokation.

sinnlosigkeit ist aber wahrscheinlich bezeichnend für den zustand nicht nur unserer armee, sondern unseres ganzen landes. nicht nur, dass der einzige feind, den unser militär bis jetzt gefunden hat, das eigene volk ist, und alle todesopfer, welche diese ‘schlacht’ bisher gefordert hat, unter ebendieser bevölkerung zu finden sind. sondern auch, dass unsere nation, nachdem sie all ihre mythen entweder zu tode ironisiert oder aber aus hilflosigkeit bis zur unkenntlichkeit missbraucht hat, zu immer durchsichtigeren versionen ihrer selbst wird.

ist es ein zufall, dass das land, an deren mythologischem beginn ein tyrannenmord durch einen gezielten schuss steht, heute, am ende seiner strahlkraft, mit zufälligen, ungerichteten panischen schüssen auf sein eigenes volk reagiert? oder hat tells apfelschuss in wahrheit sein ziel verfehlt und jetzt - wenn längst kein fremder vogt, eines zweiten schusses würdig, mehr da steht – hat dieser schuss so viel später nun sein eigenes kind getötet?

 

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8 – nora

veröffentlicht am 5. juni 2012 von anna rider

nora walther ist gestern abend ihren verletzungen erlegen. sie hat in einer friedlichen kundgebung für ein kleines, unabhängigen neues land demonstriert, für eine hoffnungsvolle zukunft, wurde dabei auf dem gelände des flugplatzes dübendorf von einem schuss aus dem gewehr eines überforderten rekruten getroffen und ist nicht mehr aus ihrem koma erwacht. sie wurde 17 jahre alt.

 

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7 – zustand: kritisch

veröffentlicht am 1. juni 2012 von anna rider

jetzt, fast eine woche nach dem schrecklichen zwischenfall bei unserem marsch auf düland, hat sich die armee doch noch zu so etwas wie einer entschuldigung durchringen können. wobei sie das kunststück schafft, in wenigen amtsschimmligen sätzen zugleich jede verantwortung von sich zu schieben und jegliche anteilnahme für die verletzten kundgebungs-teilnehmer vermissen zu lassen. doch für empörung bin ich momentan zu müde.

glücklicherweise haben sich bei den jedem der verwundeten die schuss-verletzungen als nicht lebensbedrohlich herausgestellt und alle konten sie das spital bereits wieder verlassen. alle bis auf nora, deren zustand unverändert kritisch ist. umso mehr hoffen wir, dass sie bald aus ihrem koma zu uns zurückkehrt und ihre überbordende lebensenergie wiederfinden kann.
wach auf, nora!

 

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6 – harte landung

veröffentlicht am 28. mai 2012 von anna rider

warum. warum landet man immer nach dem unschuldigen rundgang durch den vorratsraum der hoffnung direkt in teufel’s küche? warum ist ein bisschen meistens zu wenig und ein bisschen mehr so oft zu viel? warum endet, was mit einem traum beginnt, stets beim anwalt?

den anfang erhalten die dichter, das ende die moralisten.

natürlich waren wir naiv. natürlich hätten wir es wissen müssen. natürlich war es ein fehler. aber eine ‘offensichtliche bedrohung’ und ‘unkontrollierte aggression’, wie es das militär darstellt? wenn unser trüppchen von vielleicht zweihundert friedlichen demonstranten vom 26. mai beim flugplatz dübendorf für unsere armee eine schwerwiegende gefahr darstellt, dann mache ich mir wirklich sorgen um sie.

dass die paar verirrten soldaten, die für die sicherheit des areals sorgen sollten, mit der situation überfordert waren, kann man verstehen. nicht verstehen kann man hingegen, dass die auf eine solche konfrontation nicht im mindesten vorbereiteten rekruten mit scharfer munition harumlaufen. dass einer von ihnen dabei die nerven verliert und beginnt um sich zu schiessen, ist da beinahe vorprogrammiert.

schlimm ist nicht die untersuchungshaft, aus der ich nun gerade entlassen worden bin. schlimm ist auch nicht die reaktion der armee-führung, welche sich selbverständlich bis jetzt noch in keinster weise entschuldigt hat. viel, viel schlimmer sind die vorwürfe, die wir uns machen, dass wir nicht verhindert haben, dass der demonstrationszug den chaoten, welche das tor zum flugplatz aufgebrochen hatten, auf das areal folgte.

am schlimmsten jedoch ist, dass dabei menschen, unter ihnen auch die jüngere schwester unserer mit-organisatorin bettina walther, nora, schwer verletzt wurden und zum teil noch immer in lebensgefahr schweben. selbverständlich werden wir uns durch die dilettantische, ungewollt brutalen aktion des militärs, auch wenn es vielleicht ein unfall, das versagen eines einzelnen soldaten war, nicht von unserem anliegen abbringen lassen, im gegenteil. aber trotzdem sind unsere gedanken momentan ausschliesslich bei den verletzten mitstreiterinnen und mitstreiter unserer kundgebung von letztem samstag.

und so hoffe ich innbrünstig, dass nora, wenn ich sie heute abend im spital besuche, wieder aufgewacht ist und vielleicht sogar schon wieder lächelnd auf ihrem spitalbett sitzt. das hoffe ich, wie sonst noch nichts in meinem leben.

 

> tagesanzeiger vom 28. mai 2012

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