30 – fünf jahre

veröffentlicht am 13. Oktober 2016 von anna rider

vor genau fünf jahren, im oktober 2011 erschien hier der erste beitrag – verbotenes land. mit dem verbotenen land war das damals noch abgesperrte gebiet des flugplatzes dübendorf gemeint – ein areal, das zwar dem bund, also uns allen gehörte, aber von niemandem betreten werden durfte. bloss ein jahr später ist auf eben diesem gelände der eigenständige kleine staat ‘düland‘ entstanden, eine versuchsnation der staatsführung und des zusammenlebens, welche zwar von allen betreten werden kann, aber niemandem gehört.

fünf jahre, in denen ich sicher zehn jahre älter geworden bin, aber vielleicht auch zehn jahre weiser. demokratie ist kein spass, sondern harte arbeit. und eine gesellschaft, deren regeln nicht durch parlaments- und mehrheits-entscheide und der androhung von strafen bei nichteinhaltung basiert, sondern auf konsens: sie ist zähes ringen, eine epische schlacht im tal der meinungen, ein ewiger krieg am berg des kompromisses, aber ein krieg ohne besiegte.

fünf jahre waren es ebenso, in denen auch rund um uns herum kein stein auf dem anderen geblieben ist. aber während wir hier in düland mit den vorgefundenen steinen neue gebäude errichtet haben – im wörtlichen wie im übertragenen sinne – sind die vermeintlich felsenfest gemauerten gebäude der sogenannten weltordnung mit lautlosem krachen in sich zusammengestürzt. der staatsbankrott der USA war erwartet worden und letztendlich ja auch noch vergleichsweise harmlos. dass aber ein giftzwerg wie liechtenstein – es hätte auch irgend ein anderer sein können – in diesem irrsinnigen gewirr von finanziellen und anderen verknüpfungen mit tausendfachen rückkopplungen, welches die weltfinanzwirtschaft war – gleich die ganze westliche welt mit sich in in den abgrund ziehen würde, das hatte niemand wirklich erwartet. nun ist amerika zurück im wilden weste, europa ein scherbenhaufen und die einst so stolze schweiz ein häufchen elend, ein vom militär unter notrecht regierter ‘failed state’.

fünf jahre hatten wir zum glück aber bisher auch zeit, um am offenen herzen der demokratie zu operieren und dessen geschichte weiterzuschreiben. wir waren – solange es die schweiz noch als funktionierenden staat gab – deren offenes versuchsfeld und lebende vernehmlassung. statt in zähflüssigem hin und her mit fragwürdig ausgewählten institutionen herauszufinden, was an einem neuen gesetz gut und schlecht seit könnte, was seine hypothetischen auswirkungen sein könnten und es in diesem verlauf bis zur unkenntlichkeit zu zerschleifen, haben wir es einfach ausprobiert. laufen bei der annahme der 1:12 initiative den konzernen alle CEO’s davon? hocken nach der einführung des bedingungslosen grundeinkommens alle bloss noch faul herum? statt in müssigen diskussionen, in endlosen debatten und mit zahllosen studien und gegenstudien nichts herauszufinden, haben wir diese gesetze gelebt und dabei herausgefunden, was daran funktioniert und was nicht.

fünf jahre haben wir geforscht an der zukunft des politischen und gesellschaftlichen zusammenlebens. noch ist es zu früh, um irgendwelche definitiven schlüsse ziehen zu können. was es braucht, um die menschheit ohne hunger und gegenseitiges ausrotten über die nächsten hundert jahr zu bringen, wissen wir sicher noch nicht. aber soviel wissen wir: was es sicher nicht braucht, sind berufspolitiker und parlamente. was es nicht braucht sind armee und einschüchterung. was es nicht braucht sind nationen. die weltwirtschaft könnte ein segen sein, aber nur wenn der politische raum ebenso weit reicht, wenn sich nicht nur waren und geld auf diesem planeten frei bewegen dürfen, sondern auch die menschen.

fünf jahre. wir haben diesen mini-staat gegründet mit dem konkreten auftrag zum risiko, weil dessen auswirkungen überblickbar waren und nur die freiwillig hier lebenden einwohner betreffen. wir haben düland aufgebaut mit dem explizieten anspruch, auch scheitern zu dürfen. ist es traurig oder ironisch, dass es uns noch immer gibt, aber alle länder um uns herum gescheitert sind?

 

 

 

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29 – mittelpunkt der erde

veröffentlicht am 22. September 2014 von anna rider

liebe leute

nun ist es doch schon mehr als ein halbes jahr her, dass ich mich hier letztmals gemeldet habe. manche mögen sich schon gewundert haben, ob ich mich – während sich die schweiz und mit ihr die welt langsam aber sicher ins mittelalter zurückwinkt – von der bühne dieser welt abgemeldet habe. ziemlich das gegenteil ist der fall. mein zentrum der welt hat sich bloss zwischenzeitlich etwas verschoben. das mag damit zusammenhängen, dass ich gerade mutter eines kleinen knaben geworden bin, aber auch mit der tatsache, dass wir jetzt nicht mehr im innern von düland leben, sondern in der seit kurzem fertiggestellten randbebauung.

das zentrumm meines lebens mag sich verschoben haben, aber der mittelpunkt, er blieb noch immer hier, in düland. die perspektive mag eine andere sein, aber mein fokus blieb der selbe. das prinzip der grossfamilie mag überholt klingen, aber das ziel, es blieb das selbe: kein einzelner ist so brutal wie seine gruppe, doch kein individuum ist so stark wie seine gemeinschaft. und eigentlich ist die randbebauung von düland nichts anderes als eine aktualisierte version einer grossfamilie: eine gemeinschaft, in welcher jede und jeder seinen teil dazu beiträgt, die gruppe zu ernähren, aufzuziehen und eine art von tradition zu vermitteln. und genau dies geschieht hier, auf eine düland-art-und-weise. doch anders als in der herkömmlichen familie verbindet uns nicht mehr das gemeinsame blut, sondern die gemeinsame idee. und die grösse unserer familie kennt keine grenze. sie beschränken sich weder auf unsere eigenen vier wände, noch auf irgend eine fiktive landesgrenze oder die reichweite unserer news-bericht-erstattung. die banden unserer globalen familie sind weit und der umfang unserer grossfamilie ist so gross wie unser herz, und das ist potentiell so gross wie die welt. warum nicht?

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28 – die unerträgliche flüchtigkeit des seins

veröffentlicht am 22. februar 2014 von anna rider

im nachhinein kann man ja immer sagen: man hat es kommen sehen. aber dass es gleich so knüppelhart kommen würde – nein. lichtenstein war ja immer der pickel am arsch der schweiz. nun hat es sich ja bekanntlich herausgestellt: es war kein pickel, es war ein melanom. die welt ist rund: das war ihr verhängnis. die globalisierung war quadratisch: das war ihr ende. die welt musste lernen: einen pickel kann man ausknipsen, aber bei allem, was tiefer geht, schneidet man sich ins eigene fleisch. und heute wissen wir: lichtenstein war überall, in jedem muskel, im fleisch der welt. sobald es die banken und treuhänder dieses zwerges lüpfte, war bald auch die luft fast der gesamten globalisierten wirtschaft verdünnisiert. so brüchig waren die pfeiler unserer wirtschaft, dass jedes sandkörnchen den stein des anstosses ins rollen bringen konnte. und dann die ganze verdammte welt.

zivilsation ist die firnis auf dem gletscher der menschheit. nur wenig braucht es vom feuer der wirklichkeit, um diesen schleier zu zerschmelzen. im falle der schweiz waren dies vier tage – einen tag mehr als im durchschnitt der anderen länder. einen tag mehr, bis die grundfesten unserer gesellschaft zerbröckelten.

nun sind sie da: die sirnenen unseres untergangs. nun freut euch des lebens: es währt nicht mehr lang. zumindest nicht in dieser form. my instincts are my home. nun wissen wir: vier tage braucht es. viertausend jahre vom steinhammer zum iphone. und nur vier tage zurück. der mensch, er baut sich seine kultur wie eine baumrinde auf, von jahr zu jahr ein bisschen mehr. und er schält sich seine zivilisation wie eine bananenschale von sich weg. all die ganzen sitten, all die gesetzte, ja die ganzen staaten und nationen: alles bloss eitel terz, ein schutzpolster um unser herz.

vier tage, mensch. nun wissen wir: gebt uns vier tage. einen tag für den zusammenbruch. einen tag fürs grosse erstaunen. einen tag für entrüstung und wut. und einen tag für gewalt und plünderung – mit den ersparnissen entschwinden auch die hemmungen. der vierte tag gehört dem homo sapiens sapiens. er weiss, dass er weiss –  und macht es trotzdem. mord und vergewaltigung. nichts, nichts bleibt, wenn dem mensch die kultur entweicht.

nun wird sich auch zeigen, wie stark die banden von düland geknüpft sind. kann es die tausenden von flüchtlingen aus der schweiz so einfach verkraften, oder zerbricht es daran? wäre doch schön, wenn wir das anfangsvertrauen, das uns die schweiz geschenkt hat, nun erwidern könnten? eine grosse herausforderung, klar. aber dennoch sagen wir mit überzeugung: düland heisst die schweiz willkommen!

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27 – die stützen der gesellschaft

veröffentlicht am 16. oktober 2013 von anna rider

liebe düländerinnen

nun wachsen sie langsam in den himmel, die stützen unserer randbebauung, die stützen, welche einst die solide struktur bilden werden für eine ringförmige stadt, eine stadt zwischen düland und der schweiz, eine gebaute grenze. weniger eine stadtmauer als eine zur lebendigen mauer gewordene stadt.

die welt innerhalb dieser grenzen, das herz von düland, welches fast zerspringt vor freude und leben, braucht einen halt, ein starkes skelett, um weiterschlagen zu können. diese grenze, die so viel mehr ist als einfach eine linie zwischen innen und aussen, sie selbst wird nun zum lebewesen und wächst heran zu einem neuen organismus.

während innen, in düland, das leben auf seine eigene weise floriert, herrscht rundherum – in der schweiz, in europa und weltweit weiterhin ‘die krise’, wie sie allgemein genannt wird, die schrecken einer ökonomie ohne ihr für essentiell erklärtes wachstum. ganze nationen kollabieren wegen dieser sogenannten wirtschaftskrise. ich selber glaube jedoch, dass diese unsere krise letztendlich nicht eine wirtschaftliche ist, sondern eine seelische.

die stützen unserer gesellschaft, wie wir sie im grossen ganzen bis ins letzte jahrhundert gekannt haben, wurden nach und nach ausgehölt. sei es die kirche, das militär, die politik, die presse und unsere menschlichen beziehungen, sie alle wurden nach und nach demontiert – zum guten glück! sie wurden aber nicht durch neue stützen ersetzt, sondern bloss ausgestopft, aufgefüllt mit geld, stück für stück. doch leider ist dieser neue baustoff ein fürchterlich unzuverlässiger baustoff. er bröckelt, versinkt, zerfliesst an allen enden und verflüchtigt sich. solange ständig genug nachschub vorhanden ist, ist die ökonomisierung all unserer lebensbereiche kein problem. aber bei ausblebenden lieferungen, bei versiegendem geldfluss wird das ganze gebäude schrecklich instabil. und so fürchte ich mich vor dem tag, wenn dieser nachschub gänzlich ausbleiben wird. was wird unsere gesellschaft dann noch stützen? hält unser gesellschaftsgebäude diesem druck stand oder stürzt alles in sich zusammen? und: wie schnell werden wir uns den wohlgenährten humanismus dann vom körper klopfen?

wir können bloss hoffen, dass wir dies nicht so schnell herausfinden müssen. hoffen, dass unsere gesellschaft bis dann wieder auf etwas solideren pfeilern ruht. aus was diese gebaut werden sollen, haben wir noch keine ahnung. aber nicht einmal nach neuen baustoffen zu suchen ist erst recht fahrlässig.

und darum bauen wir hier in düland an diesen stützen, in wörtlichem wie in übertragenem sinn. wir werden nicht das ganze gebäude neu bauen können. aber vielleicht einen kleinen teil dazu beitragen. neue stützen braucht das land!

 

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26 – ein tag in düland

veröffentlicht am 28. juli 2013 von anna rider

liebe düländerinnen, was soll ich sagen? ist es tatsächlich schon ein halbes jahr, seit wir hier ein neues ländchen eröffnet haben? ein ganzes halbes jahr, seit ich mich hier online wieder melde? vom nasskalten februarwetter direkt in den hochsommer mit höchst-temperaturen. nicht, dass nichts passiert wäre, im gegenteil. aber bei all dem trubel auch noch zeit zum schreiben zu finden, war unmöglicher als gedacht. umso mehr freut es mich natürlich, dass ihr hier doch immer noch mal vorbeischaut.

so viel ist geschehen, so viel freudiges, aber natürlich auch zehntausend probleme. aber das wichtigste ist: düland lebt! mehr noch: es vibriert, es kämpft, es wuselt, es wächst, verschmilzt, verändert sich, es ist jeden tag ein anderes, jeden tag neu und auf sicherem weg in eine ungewisse zukunft. doch wie gestaltet sich ein tag im leben von – sagen wir zum beispiel – einer neu-bürgerin von düland wie mir ab?

nun, ich wohne also tatsächlich seit etwas mehr als einer woche hier, im herzland von dü, in einem der kleinen, improvisierten häuschen entlang der ehemaligen landepiste des flugplatzes dübendorf. einen wecker braucht man hier nicht, denn um sieben uhr rasen einem die ersten kinder um das bett herum. in einer welt ohne recht auf eigentum und kleinfamilie gibt es natürlich auch kein recht auf schlaf. doch umso besser, denn bereits um halb neun beginnt heute ja bereits das monatliche kolloquium zur einführung oder abschaffung neuer gesetze und zur erprobung neuer formen des politischen und gesellschaftlichen. die abstimmungsergebnisse der direktdemokratischen monatssessionen aller düland-bewohnerinnen, welche ihre meinungen un inputs über unser dü-LAN abgegeben haben, werden ausgewertet. in düland wird niemand vertreten, repräsentiert oder verarscht. in düland gibt es für halb- und indirektheiten keine entschuldigung mehr – für beide seiten.

nach einem späten mitagessen bei einer der offenen küchen am dü-landing-strip steigt der besucherstrom unserer permanenten expo bei gutem wetter meist noch etwas an. unsere wohnungen, die ja auch gleichzeitig ausstellungsgelände und arbeitsstätten sind, entstehen so manchmal angeregte diskussionen, streitgespräche und manchmal regelrechhte auseinandersetzungen mit besuchern, nachbarn und mitbewohnerinnen. und so soll es ja sein.

zur belohnung nach einem natürlich oft etwas anstrengender als normalen tag, laden die zahlreichen veranstaltungen auf unserem gelände zur entspannung und zum nachdenken ein. wie heute zum beispiel wieder mal beim invers.theater, wo die besucher darsteller sind und vor einem professionellen publikum auftreten. im 21. jahrhundert, so scheint es, werden nicht mehr die schauspieler bezahlt, sondern die zuschauer. ganz ähnlich, wahrscheinlich, muss der staat des 21. jahrhunderts funktionieren, wo nicht mehr sogenannte volksvertreter eine mehrheit repräsentieren und regieren, sondern eine bezahlte minderheit den auf modernem weg direkt geäusserten willen ausführen müssen.

dergestalt beim einen oder anderen glas wein politisierend, im herzen eines frisch geborenen landes, einer entstehenden welt, wird es meistens spät. polizeistunde gibt es nicht, denn es gibt keine polizei bei uns.

vielleicht ist alles zu schön, um wahr zu sein. aber wir geniessen es, so lange es währt. mit offenen herzen, mit klarem verstand, mit unbändigem zukunftswillen.

 

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