25 – tante ju und ihr enkel

veröffentlicht am 2. februar 2013 von anna rider

übermütig, heiser, euphorisch, müde, glücklich und wohl auch noch ganz es bitzeli betrunken sind wir soeben heimgekehrt von den gründungs-feierlichkeiten und können stolz berichten: es ist vollbracht!

wenn man heute vom bahnhof dübendorf ostwärts geht, wird man nicht von militärbaracken empfangen, sondern mit offenen armen willkommen geheissen in einem neuen land.

wenn man heute von wangen oder volketswil die autobahn überwunden hat, wird man nicht von maschendrahtzaun am weitergehen behindert, sondern hinengeführt in eine frische zukunft.

wenn man heute in volketswil nordwärts in den himmel schaut, sieht man nicht mehr die alte tante ju sich in die höhe keuchen, sondern bald die lichter ihres enkels. nicht mehr die erinnerung an eine einst so hoffnungsvolle zukunft, welche längst zur nostalgie verrostet ist, sondern die erinnerung an an eine ungetrübte zuversicht wird die hartnäckige nebeldecke durchbrechen.

die oldtimer werden eingemottet und überlassen den luftraum ihren übermütigen nachfahren. eine orientierungslose militärische landesverteidigung räumt den platz ihrem kleinen bruder, denn dieser ist auf angriff aus. kämpfen will er: um neue wege. erobern will er: geistiges neuland. und nun hat er auch eine heimbasis für seine feldzüge erhalten: der flugplatz dübendorf ist nicht mehr. wo einst die kampfflugzeuge landeten, steht nun eine neue nation am start: düland.

so wie das fest die insel ist im alltag, so ist düland die insel im meer der schweiz. so wie in einer welt der arbeit die feier, die fasnacht die ausnahme ist, in welcher die üblichen normen des anstands und der sitte überschritten werden dürfen, so ist düland die ausnahmesituation der bedächtigen schweiz. ein natiönchen, in welcher die gesetze neu geschrieben werden können. ein ländchen, welches verschwendung und unvernunft nicht sanktioniert sondern fördert. eine gesellschaft, welche nicht bloss funktionieren, sondern ihre grenzen erforschen will.

wer gerüstet sein will für die zukunft, muss die vergangenheit kennen und die gegenwart hinterfragen – eine rolle, die traditionellerweise die presse und die kunst übernommen haben. da beide in einer logik der marktwirtschaft nicht mehr so recht zu funktionieren scheinen, ist es vielleicht umso erstaunlicher und reifer, wenn die nation diese aufgabe gleich selbst übernimmt.

wir wollen nicht mehr nostalgisch in eine zukunft schauen, wie sie vielleicht hätte werden können – wir wollen diese zukunft bauen. wir wollen nicht mehr alles fremde eindämmen – bloss weil wir nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind. wir wollen nicht die volle sicherheit - bloss weil wir nicht mehr sicher sind, was wir wollen.

wir wollen – im begrenzten rahmen dieser kleinen nation, aber vielleicht auch unbeschränkt – die feier, die kunst des lebens, die anarchie, den wilden tanz, den exzess, das risiko des scheiterns, den rausch, die vielfalt, den selbstbetrug, die hoffnung, die hoffnung auf einen neustart. die aussicht in ein neues leben und ein neues land. der grundstein ist gelegt.

 

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24 – die autonomie der flammen

veröffentlicht am 24. dezember 2012 von anna rider

ja, meine lieben düländerinnen und dülandfreunde. ich weiss nicht, ob ihr’s schon bemerkt habt: es ist weihnachten. fast unbemerkt gehen die feiertage vorbei. kaum irgendwo wird man auf die advents-zeit aufmerksam gemacht… überall bloss noch stille besinnlichkeit und fröhliches beisammensein. debei sollte man sich doch wieder vielmehr auf den wahren sinn der festtage besinnen: den konsum.

konsum erhält uns am leben, alles andere schadet der wirtschaft: also uns selbst. es heisst das fest der liebe, und die grösste form der liebe ist doch die selbstvertilgung, die einverleibung, die sich-selbst-verspesiung. wir haben uns selbst zum fressen gern, und alles, was nicht konsumiert werden kann, hätte schon längst abgebaut werden müssen. der markt, der markt!

BRING ME THE HEAD OF MILTON FRIEDMAN!

was wissen wir schon? was sind wir schon? ein pickel am arsch des 20. jahrhunderts, mit streifblick auf’s leben. geboren als nachgeburt eines unappetittlichen anachronismus’ namens bürgertums, namens mittelschicht. diese unförmige graue masse war, im nachhinein gesehen, wohl die erste stufe zu einer gerechteren gesellschaft und vielleicht einer bessere welt. darum singen wir, denn singen können wir. and all together now:

A DEATH MASS FOR THE MIDDLE CLASS!

es besteht kein grund zur beruhigung. es besteht kein grund zur beruhigung. zu spät ist es noch nicht, aber ganz sicher nicht zu früh. wir spielen auf verlängerung, nicht mehr auf sieg. und das einzig gute, das ich an unserer konsumgesellschaft finden kann, ist, dass sie zu träge ist für einen krieg.

die autonomie der flammen erhält uns am leben. kein grossbrand, aber lieber auch kein kontrolliertes alibi-feuerchen. vielleicht führen sie uns zu neuen wegen und vielleicht auch nicht. wichtig ist der versuch. wichtig ist nicht, alle töne zu treffen, wichtig sind die irritationen und emotionen, die sie auslösen. darum, packt die flöte aus, und dann:

PLAY FUCKIN’ LOUD!

play fuckin’ loud. frohe festtage. wir sehen uns, irgendwann im neuen jahr, in einem neuen land.

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23 – spätherbstfrühlingsgefühle

veröffentlicht am 17. november 2012 von anna rider

nun liegt ja bereits der erste schnee auf dem ländchen, aber unsere gefühle stehen auf frühling. in etwas mehr als zwei monaten wird düland offiziell unabhängig werden. die vorbereitungen laufen auf hochtouren. klar sind wir total nervös und ein spielball unserer emotionen. wann kriegt man denn schon die chance, einer neuen nation bei der geburt zuzusehen? dass da die hormone verrückt spielen, ist wohl bloss natürlich.

details müssen geklärt werden, schwammige bestimmungen präzisiert und die grenzen verteidigt werden. unabhängigkeit ist kein naturzustand, sondern das ergebnis unzähliger kämpfe. minimale rahmenbedingungen, die wir nicht unbedingt verfassung nennen möchten, müssen festgelegt werden – aber hier bei uns auf umgekehrtem wege. die frage ist nicht, welche bestimmungen es noch braucht, sondern im gegenteil: was kann alles weggelassen werden? welche regeln sind wirklich nötig für ein gerechtes zusammenleben, und welche zementieren bloss den status quo? oder soll man gleich einen regelfreien zustand wagen?

was würdet ihr versuchen? welche lebenswelten, politischen systeme, gemeinschaftsformen müsste man fördern oder im gegenteil gleich unterbinden? wo fängt der spass an, und wo hört er auf? wenn ihr könig seid in eurem eigenen sandkasten wärt, welche gesetze würdet ihr verordnen? oder würdet ihr euer sandiges reich zum rechtslosen gebiet erklären? schleifen lassen oder kanalisieren? zurücklehnen oder voranschreiten? wanderpfad oder weites feld? navigationsgerät oder fahrt auf sicht? oder beides, alles? wege und abwege? die sicherheit des unbekannten? masslosigkeit und genügsamkeit. chaos & gestaltung.

 

 

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22 – die eltern

veröffentlicht am 20. oktober 2012 von anna rider

sie ruft uns zu, die nation: wir wollen sein ein einzig volk von brüdern. frei sein, wie die väter waren. und natürlich ist sie, die nation, genau das für uns, sind wir ‘natio’, hineingeborene, gewollt oder ungewollt, hineingeworfen in dieses leben und dieses land, das wir uns genau so wenig aussuchen können, wie unsere eltern. und wie jene führte uns die nation durch unsere kindheit und unsere jugendjahre, beschützte uns vor den bösen nachbarskindern und vor uns selbst, pflegte uns, wenn wir krank waren, schaute, dass wir was rechtes lernten und tröstete uns vielleicht auch, wenn wir kummer hatten.

doch anders als kluge eltern, die ihre kinder irgendwann, nach vielen furchtbaren und im nachhinein unbegreiflichen kämpfen, ziehen lassen, denkt die nation nicht im traum daran, uns selbständig werden zu lassen, im gegenteil. mit immer neuen erziehungs-experten und vormundschaftsbehörden will sie uns vor unserer eigenen irrationalität bewahren und unserem scheinbaren drang zur selbstzerstörung, auf dass wir niemandem was zu leide tun, anständig seien, uns mehr bewegen und gesünder ernährten und: junge, zieh jetzt endlich eine jacke an, gopfridstutz. und weil selbstzerstörung die letzte mögliche rebellion ist, machen wir natürlich genau das.

gleichzeitig macht sich jedoch auch irgendwann die vortreffliche bildung, die unsere erzeuger uns haben angedeihen lassen, bemerkbar, all die teuren schulen und die hin und wieder aus diesen gebirgsmassiven von unnützem wissen hervorquellendenn erkenntnisse wahren lebens. und wir schauen durch ihre leeren worte und mahnungen wie durch ein leeres revolvermagazin, und sehen, dass sie all ihre schreckschüsse längst vergeudet haben. und wir erkennen, dass all ihre experten und vertreter, die sich politiker nennen, schon lange nicht mehr uns beschützen wollen, sondern bloss noch sich selbst vor ihren eigenen fehlern. denn die taktik unserer eltern, das wir unsere vormundschaft selber wählen können, schützt uns zwar vor deren missbrauch, macht sie aber gleichzeitig völlig nutzlos. welcher vormund würde schon seine stelle durch irgendwelche drastische erziehungsmassnahmen riskieren, wenn er weiss, dass er von der gunst seiner zöglinge abhängig ist. er wird es bei ein paar halbherzigen ermahnungen belassen. niemand züchtigt die hand, die seinen namen auf den wahlzettel schreiben soll.

so werden wir jung bleibend älter. und irgendwann, nach anfänglicher belustigung und steigender besorgnis, blicken wir auf unsere älter werdenden eltern und nationen, ihre schrullen und eigenheiten, schauen zu, wie sie vergesslicher werden, unselbständiger, sich mit falschen freunden umgeben und sich in der wirtschaft übers ohr hauen lassen. doch wir halten uns zurück und lächeln entschuldigend, wir sind doch bloss ihre kinder, ein leben lang, und sie unsere behüter und grossen vorbilder. sie sollten es doch besser wissen, sie und all ihre gut bezahlten berater. und je mehr unsere vormünder betonen, dass alles bestens läuft, desto nervöser werden wir, und desto sicherer sind wir, dass irgendwas schrecklich schief gelaufen ist.

und dann, plötzlich, ist es zu spät, das familienerbe verspekuliert, verschenkt, vererbt an irgendeine obskure stiftung, eine selbsthilfeorganisation für krebskranke katzen. und wir stehen da, kratzen uns am schädel, der auch schon mal mehr haare gehabt hat, und fragen uns, ob es nicht vielleicht doch bald zeit wäre, selbständig zu werden, vielleicht noch, bevor wir unsere alten und unsere nationen unter tränen zu grabe tragen und ihre schulden für den rest unseres eigenen lebens abzahlen müssen. und dann merken wir, dass wir gar nie gelernt haben, was es überhaupt heisst, verantwortung zu übernehmen. und wir stehen da, in diesem haus, das uns nicht mehr gehört, und schauen unseren kindern, die es wohl niemals mehr so einfach haben werden wie wir, beim spielen zu, und wir denken: verdammt.

 

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21 – ALLIHR

veröffentlicht am 8. oktober 2012 von anna rider

ALL IHR nationalisten, populisten, rassisten, extremisten, abfahrtspisten,
wir rufen euch zu: ihr wurdet munter überlistet,
seid eltern nun, verantwortlich für ein neues land,
das leben dieses kindes liegt in eurer hand.

ALL IHR marxisten, sozialisten, kommunisten, trotzkisten, seifenkisten,
wir rufen euch zu: bevor ihr euch hier einnistet,
vergesst die moral und vergesst die theorie,
lernt fliegen, hier und jetzt, oder lernt es nie.

ALL IHR CEOs, CCOs, CDOs, CFOs, sitzduschenklos,
wir rufen euch zu: vergesst eure angst, lasst los,
ihr müsst euch nicht mehr verstecken,
lernt schwimmen oder lasst euch retten.

ALL IHR pastoren, psychodoktoren, selbsthilfeforen, ausklappstoren,
wir rufen euch zu: ihr habt uns längst verloren,
ihr seid zu esotherisch und zu selbstbezogen,
eure welt zu klein für uns, und zu verlogen.

ALL IHR wutbürger, steuerbetrüger, euch-selbst-genüger, motorabwürger,
wir rufen euch zu: eure welt, die ist zum fürchten,
wir laden euch ein, seid vif, ja seid verwegen,
sagt ja zu unvernunft und ja zu neuem leben.

ALL IHR wähler, stimmenzähler, all ihr approximativtendenzen, menschen,
natürlich dürft ihr euch was wünschen,
natürlich dürft ihr glauben, hoffen,
aber, bitte, schaut nicht so betroffen.

ALL IHR leser, ferngläser, kernthesen, meinungswesen, besen im system
seid nicht empört, seid lösung des problems,
die zukunft ist unser grösstes pfand,
und zukunft hat ein neues wort: düland.

 

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