20 – hallo, kleines

veröffentlicht am 1. oktober 2012 von anna rider

das hoffen und bangen, der ganze schweiss und all die tränen – und dann geht es plötzlich doch fast viel zu schnell. die schweiz hat nachwuchs – ganz ungeplant. und wir, die wir, wenn nicht die geburtshelfer, so doch vielleicht die gotten und göttis des neugeborenen ländchens sind, wir möchten ihr als erste ganz herzlich gratulieren.

natürlich: wahrscheinlich ist helvetien eigentlich schon viel zu alt für einen goof, und es würde verwundern, wenn der sprössling nicht ein paar macken und gutmütige geburtsfehler aufweisen würde. aber alles in allem scheint es ein gesundes und kräftiges kerlchen zu sein, auch wenn es jetzt noch so schutzbedürftig und unschuldig in die weltgeschichte blickt.

und auch wenn die schwangerschaft und die geburtsvorbereitenden kurse anstrengend waren – die schwierigste zeit beginnt nun erst. düland braucht nun seine eltern. doch niemand weiss, ob die schweiz zum elternsein geboren wurde, niemand wird es. darum braucht das junge natiönchnen die unterstützung von uns allen. unser uneheliches kind, unsere hoffnung und unsere zukunft. und darum fragen wir dich ganz direkt: bist dü bereit?

 

Share on FacebookShare via email

18 – kuppel und kamin

veröffentlicht am 16. september 2012 von anna rider

der raum ist hell, und die bewegungen eingespielt. wände, böden, sogar die decken sind weiss gekachelt, und täg-lich abgespritzt. nicht die kleinste spur von leben darf noch bleiben. zwei türen führen in den raum, eine rein und eine raus - und nicht umge-kehrt. alles was hier angeliefert wird, ist längst tot und ausgenommen. vom leben zerschlissen, vom alters-heim zum wrack betreut, vom spital zu tode behandelt und von der patholo-gie verflixt und wieder zugenäht. und alles, was hier rausgeht, kommt in den grossen ofen.

das berühmte wolkenbild, die engagierten reden und das geschäftige treiben im raum verdecken die weissen kacheln und den strengen geruch nur unzureichend, und täuschen bloss mangelhaft darüber hinweg, dass hier einzig totenwägelchen durchgeschoben werden. die illusion, über dem urnersee und vielleicht auch wirklich über allem zu schweben verdeckt die realität, dass wir uns tatsächlich im tiefsten kellerverlies, im grössten brennofen der demokratie befinden.

würdevoll und unerträglich langsam fahren die schwarz lackierten leichenwagen vor, mit zugezogenen vorhängen und diskret angebrachtem schriftzug ‘vernehmlassung’. jeder handgriff ist darauf bedacht, die totenruhe nicht zu stören und mit dem balsamierten und geschminkten körper nicht die sensiblen und kadaverungewohnten augen allfällig unerfahrerener anwesender zu schockieren. das business mit dem tod ist delikat und nichts für laien.

wir befinden uns in den heiligen hallen, und nichts ist heiliger als der tod. die leichname, die hier durchgeschoben werden, sie haben unverfängliche namen. sie heissen ‘antrag’, ‘revision’, ‘erlass’ oder ‘initiative’. in gesalbten, manchmal aber auch unerbittlich brutalen worten wird gericht gehalten über die dahingeschiedenen seelen. die abläufe sind ritualisiert und die liturgie vorgegeben. hier wird nicht verhandelt, hier wird verabschiedet. nun scheidet sich der weg, wie beim jüngsten gericht: ewiges leben oder immerwährende verdammung. das urteil ist unfehlbar – zwar nicht göttlich, aber doch zustandegekommen durch eine einfache mehrheit. alles, was vor das gericht tritt, ist längst gestorben, und alles was es verlässt, ist zu keimlosem staub zerfallen. bereit, um in alle winde und über das ganze land zerblasen zu werden, ohne irgendwelche spuren zu hinterlassen.

je grösser die gesten, desto kleiner meist die relevanz. je starrer die abläufe, umso toter ist das ritual. und falls es eine steigerung von gestorben geben sollte, dann ist es sicher unser umgang mit dem tod. und deshalb wahrscheinlich auch die eingespielten abläufe in der politik: wenn haltung gefriert wird sie folklore.

ist es angesichts dessen nicht umso verwunderlicher, dass gerade unser anliegen, welches die ausgetretenen und schön gepflasterten pfade der vernehmlassung neu überdenken und in die praxis einer gelebten, lebendigen demokratie überführen will, dass genau dieser antrag die übernutzten wege zu umgehen scheint? dass nun unter allen berechtigten begehren zufälligerweise präzise unser ‘dü-law’ auserwählt wurde, die niederungen des purgatoriums zu umgehen und  – ohne zu tode zerpflückt zu werden – quicklebendig vor das jüngste gericht treten darf?

ob das militärdepartement aus politischem kalkül, aus scham oder gar aus überzeugung handelt, ist letztendlich irrelevant. was zählt ist bloss, dass düland am 28. september 2012, dem letzten tag der herbstsession, die chance erhält, lebendig durch die hallen von bern zu kommen. und diese vielleicht sogar als neugeborenes ländchen zu verlassen, und nicht als weisses räuchlein aus dem grossen kamin. man darf ja noch hoffen.

 

Share on FacebookShare via email

17 – dü-law

veröffentlicht am 10. september 2012 von anna rider

 


die bundesversammlung der schweizerischen eidgenossenschaft,
gestützt auf artikel 2 der bundesverfassung
beschliesst:

art. 1          wesen und zweck

¹ das gelände des ehemaligen militärflugplatzes dübendorf wird aus dem gebietskörper der schweizerischen eidgenossenschaft ausgeschieden und für fünfzig jahre – mit der option zur verlängerung – zu einer selbständigen nation erklärt: düland.
² düland ist der allgemeinheit zugänglich und soll gegenstand dauernder gesellschaftlicher, politischer und räumlicher forschung sein.
³ die daraus gewonnenen erkenntnisse und laufenden zwischenergebnisse sollen in geeigneter form der öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und der weiterentwicklung der schweiz und dülands dienen.

art. 2          trägerschaft und kommission

¹ trägerschaft von düland sind alle ihre bewohnerinnen.
² diese können für die verwaltung ihres gebietes eine kommission delegieren.
³ die düland-kommission wirkt als impuls-geberin und moderatorin.

art. 3          gesellschaftliche aufgaben

¹ gegenstand der gesellschaftlichen forschung sind neue formen des zusammenlebens, der arbeit und der kunst.

art. 4          politische aufgaben

¹ gegenstand der politischen forschung ist die entwicklung und kontinuierliche veränderung von gesetzen, regierungsformen und verteilungsfragen in angewandter form.

art. 5          räumliche aufgaben

¹ gegenstand der räumlichen forschung ist die untersuchung von verschiedenen formen von dichte, mobilität, bodennutzung und architektur.

art. 6          besitzverhältnis

¹ die auf dem gebiet von düland entstandenen ideen gehören den jeweiligen individuellen erfindern.
² die gebäude und einrichtungen von düland gehören allen einwohnerinnen gemeinsam.
³ der boden von düland gehört niemandem. er kann weder aufgeteilt noch verkauft werden.

art. 7          rechte und landesordnung

¹ düland übernimmt einzig die grundsätze der allgemeinen erklärung der menschenrechte;
² jedwelche anderen rechte und pflichten ergeben sich aus den entscheiden der rechtsgültigen trägerschaft.
³ die bewohnung und benützung des landes unterliegt der ständig ändernden landesordnung, welche der konfliktfördenden und harmoniefeindlichen weiterentwicklung dient.

art. 8          aufsicht und strafbestimmungen

¹ die art und weise der forschung untersteht der alleinigen aufsicht und weisungsgewalt der trägerschaft.
² wer vorschriften der landesordnung zuwiderhandelt wird zur partizipation verurteilt.

art. 9          finanzierung

¹ finanzierung und budgetierung des neuen landes unterliegt der trägerschaft von düland.

art. 10          schlussbestimmung

¹ dieses gesetz untersteht dem fakultativen referendum.
² der bundesrat bestimmt das inkrafttreten.

 

geplantes datum der inkrafttretung: 4. februar 2013


 

Share on FacebookShare via email

16 – die schweiz macht ein junges

veröffentlicht am 19. august 2012 von anna rider

‘zuspätgedanken’, der titel eines textes, den ich eigentlich für den nächsten poetry-slam vorgesehen hatte, scheint mir nun selbst zur hypothek zu werden. obwohl ich mich immer wieder daran versuche, werde ich ihn wohl nicht rechtzeitig fertig kriegen. verpasste chancen und ver-schleppte einsichten sind scheinbar nicht bloss das thema des textes, sondern auch sein schicksal. statt prägnanter wird die geschichte bloss länger und trauriger.

da meine beiden wg-mitbewohner ZACH BREST und joris van holden gestern fast gleichzeitig nach hause kamen, haben wir wieder mal zusammen gekocht, spaghetti alla frigo, extra scharf. irgendwie kamen wir dann – unter moderation eines seit langem herumstehenden crianza-irgendwas-denner-weines – auf meinen text zu sprechen, über die unbarmherzigkeit des physikalischen phänomens, das wir zeit nennen, und das unvermögen des menschlichen gehirns, seinen platz darin zu finden.

» zeit ist ja eigentlich biologisch, oder? // DU UND DEINE BIOLOGIE. // wie meinst du, biologisch? // JEDES MAL KOMMST DU MIT DER BIOLOGIE. // ich meine ja nur, zeit ist herzschlag und muskelzucken. und erinnerung. vielleicht gibt es dinge, die so schnell leben, dass wir sie gar nicht wahrnehmen können mit unseren beschränkten sinnen. oder so langsam. // zum beispiel die eintagsfliege: pupertät, hochzeit und altersheim, alles am gleichen tag? // GEILE SAUCE. IRGENDWAS SCHARFES, ODER? // stimmt, das mit der eintagsfliege. und dann wir menschen – haben vierzig jahre zeit für nachwuchs zu sorgen und verpassen dann doch irgendwie die gelegenheit. oder können uns nicht entscheiden. // ist es zu scharf? // NEINNEIN. FÜR MICH KÖNNT’S NOCH VIEL SCHÄRFER SEIN! // also, mir schmeckt’s. // das ist doch das thema deines textes, oder? die un-umkehrbarkeit der zeit? die unmöglichkeit eines neuanfangs? // soll ich noch eine flasche aufmachen? // manchmal wär es ja schon noch gäbig, oder, wenn man sein gehirn mal neustarten könnte? all den ballast, der sich angesammelt hat, loszuwerden, den speicher zu leeren, ein neues betriebssystem einzu-äh – heh, zach, geht’s? du hast ja einen voll roten grind. // ALLES OK, JO. ICH HOL MIR BLOSS NOCH EINEN SCHLUCK WASS..  AH JA, WEIN IST AUCH GUT, DANKE. // wie in dem film ‘eternal sunshine of the spotless mind’, kennt ihr den?  // NÖ. // auch nicht. // kennt ihr sicher. jim carrey und kate winslet? der typ, der sich die erinnerung an eine gescheiterte liebesbeziehung löschen lässt, aber dann merkt, dass er mit den schlechten auch alle guten erinnerungen verliert? echt nicht? // VERDAMMT, IST DAS SCHARF! // jim-carrey-filme schaue ich normalerweise nicht an… // es hat noch sauce. wer will noch? oder doch zu scharf, zach? // ACH WAS! ABER ICH BIN GLAUBS GRAD SATT… // also ich nehm noch ein bisschen. hast du den? den film, meine ich?

und so kam es, dass wir dann zu dritt auf meinem bett hockten und auf meinem viel zu kleinen laptop-bildschirm den film mit dem albernen deutschen titel ‘vergiss mein nicht!’ anschauten. irgendwann verschwand ZACH fluchtartig im bad. wir pausierten den film.

» wär doch auch ein motto für dein düland, oder? ‘ewiger sonnenschein des unberührten geistes’, oder so ähnlich. // mhm. // ich meine, was sind nachkommen anderes, als unverdorbene varianten von einem selber, ein neuer versuch, eine carte-blanche-version der eigenen gene, gepaart mit denjenigen eines anderen ausgesuchten individuums? // mhm? // erwachsene sind doch dieses deprimierende ungetüm aus resignation und kompromissen. wieviel schöner ist doch da ein frischgeborenes baby, mit seinen potentiell unbeschränkten möglichkeiten. ohne ballast und rücksichtslos ehrlich? // mhm. // oder was meinst du? // stimmt natürlich, obwohl ich immer auch an die möglichkeit einer eigenen neuerfindung gedacht habe, weisst du? ‘ich ist ein anderer.’ // klar. aber du weisst ja: ‘was macht man, wenn man all seine lebensziele erreicht hat? einen goof!’ // jaja. // die schweiz macht ein junges. // haha. // ein kind… // … EIN KIND WARD UNS GEBOREN. // hey, zach, geht’s wieder? // ALLES BESTENS.  ALLES BESTENS. UND GOTT SANDTE SEINEN EIGNEN SOHN. GESTORBEN FÜR UNSERE SÜNDEN. MEHR WEIN! // warum kommt er jetzt mit dem christentum? // ist ja auch eine heilsgeschichte… // JESUS! // ist ja gut, zach. // schaut ihr noch weiter? ich glaub, ich geh jetzt langsam ins bett. // ja, es ist spät. // GOTTES SOHN! // zach… // UNBEFLECKTE EMPFÄNGNIS! // zach, jetzt hör mal auf, bitte! // JEEEESUS!!

so geht das. normalerweise. düland, das kind der schweiz: vergessen geglaubte leidenschaften wecken, unzüchtige gedanken, feuchte träume – ein wunschkind, ein produkt der liebe, ein bastard - ein quentchen perversion, ein tröpfchen ekstase, ein bisschen schwangerschaft  -  und ein wenig erlösung.
oder, mit alexander pope:

how happy is the blameless vestal’s lot!
the world forgetting, by the world forgot.
eternal sunshine of the spotless mind!
each pray’r accepted, and each wish resign’d.

 

Share on FacebookShare via email